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Ausstellung
Magnus Zeller - unbeirrt durch den Wechsel der Ströme
30.04.2022 bis 28.08.2022

Seit 1937 wohnte Magnus Zeller mit seiner Familie zurückgezogen in Caputh in innerer Emigration. Das kleine Wohn- und Atelierhaus in der heute nach den Geschwistern Scholl benannten Straße am Fuß des Krähenberges hatte er, den kommenden Krieg erahnend, selbst erbaut. Im Dorf wurde er als verdächtiger Außenseiter angesehen. Die Schönheit des Schwielowsees und seiner Umgebung inspirierte ihn zu zauberhaften Kompositionen, denen stets etwas Geheimnisvolles innewohnt. Zeller sah die Schöpfung in Gefahr, das unterscheidet ihn von den meisten Künstlern der Havelländischen Malerkolonie.

In seinem langen Malerleben hatte er es mit fünf verschiedenen politischen Systemen zu tun, deren Auswirkungen mit seiner Vita und seinem Werk eng verbunden sind. Im Dreikaiserjahr 1888 in eine Pfarrerdynastie geboren, flüchtete er in den Künstlerberuf. 1908 trat er in die Studien-Ateliers für Malerei und Plastik in Charlottenburg als Schüler von Lovis Corinth ein. In einem Akt der Befreiung schuf er in Korrespondenz mit dem Malerfreund Klaus Richter Bilder, die Ausschreitungen der bürgerlichen Gesellschaft dekuvrieren und soziale Missstände, teils in biblische Szenen gekleidet, anprangern. Dem Kriegsausbruch 1914 stand er nach eigenem Bekunden hilflos gegenüber. Er fühlte national, ohne in den allgemeinen Jubel einzustimmen. Im Frühjahr 1915 wurde er einberufen, im Jahr darauf erfolgte auf Betreiben des Grafikers Hermann Struck seine Versetzung zum Oberkommando Ost nach Kowno in Litauen. Im Medium der Zeichnung und der Druckgrafik reflektierte Zeller das Grauen. Als Zeichner der Kownoer und der Wilnaer Zeitung suchte er Interesse für das pittoreske, bisweilen erbärmliche Leben der jüdischen Bevölkerung zu wecken.

Die Mappe „Entrückung und Aufruhr“, von Arnold Zweig mit Gedichten versehen, verlieh dann der revolutionären Stimmung Ausdruck. Im August 1918 wurde Zeller zur Obersten Heeresleitung nach Berlin versetzt und in einen Soldatenrat gewählt. In dem Zyklus „Revolutionszeit“ thematisierte er Aspekte des Übergangs, Dekadenz und Chaos. Im Verlauf der 1920er Jahre behandelte Zeller Phänomene wie Barrikaden und Razzien, mit zunehmendem zeitlichem Abstand zur Novemberrevolution jedoch in einem verallgemeinernden Sinn. Außerdem beschäftigte ihn ein zu dieser Zeit häufig begegnendes Thema: die durch Hingebung, Eros, Perversion, Trunkenheit oder Rauschgift ausgelöste psychische und physische Transzendenz. Formal ging dies mit einer Stilisierung der Physiognomien und einer Streckung der Extremitäten einher. Zeller zeigte sich fasziniert von den ungeahnten Tiefen menschlicher Existenz, zugleich distanzierte er sich durch Überzeichnung von der Negation jeglicher Moral. Die Reizthemen der Großstadtmalerei der 1920er Jahre griff Zeller nicht wegen ihres Sensationseffekts auf, sondern nahm sie sachlich als Erscheinungen des Metropolenalltags wahr. Ihn interessierte der gesellschaftliche Zustand nach dem Weltkrieg, in dem er geistige und materielle Armut hinter ausgelassener Fröhlichkeit und äußerlichem Glamour entdeckte. Vom lippischen Denkmalpfleger Karl Vollpracht, seinem lebenslangen Mentor und Mäzen, wurde Zeller zudem zu einer Reihe von religiösen Bildern veranlasst. 1923/24 leitete Zeller die Zeichen- und Grafikklasse der Kunstschule „Pallas“ in Dorpat / Estland.

1935 erhielt er den Rom-Preis der Berliner Akademie. Das Erlebnis des Südens führte zu einer Aufhellung der Palette und zu einer weicheren Formbildung; Stadtansichten, Landschaften und Hafenszenen finden sich auf ungewohnt unbeschwerte Weise eingefangen. Stille Monumentalität, Erdverbundenheit und verhaltene Farbigkeit charakterisieren Zellers im Anschluss an seinen Italienaufenthalt entstandene Bilder des Landlebens – weniger Tribut an den Zeitgeist als Konsequenz seines Rückzugs aus dem zunehmend gleichgeschalteten städtischen Kulturleben. 1935 machte ihm der „Völkische Beobachter“ den Vorwurf einer „der Gegenwart fremden, seelisch krankhaften Grundhaltung“. Ab 1938 schuf Zeller in der Abgeschiedenheit des Caputher Ateliers dezidiert antifaschistische Bilder, die er nach 1945 noch zuspitzte. In traumatischen Visionen verarbeitete er die Bedrohung der eigenen Existenz, das Ende Hitlers und die Not Deutschlands im Zweiten Weltkrieg.

1945 gründete Zeller die Caputher Ortsgruppe der „Antifa“, doch seine Kunst bewahrte er vor ideologischer Einflussnahme. Vorübergehend erwog er, nach Westdeutschland überzusiedeln. Von der „Weltsprache“ der Abstraktion dort hielt er nichts, seine figurative Bildwelt entsprach aber auch nicht dem sozialistischen Ideal. Selbst dort, wo scheinbar die Aufbauleistung der jungen DDR gefeiert wird, mischen sich Skepsis und feine Ironie in die Darstellung. Bis 1971, ein Jahr vor seinem Tod, leitete er einen Malzirkel in seinem Caputher Atelier.

Zeller wird der zweiten Generation des Expressionismus zugerechnet, doch ist dies eine ungenügende Charakterisierung angesichts seines zeitumspannenden Wirkens. Seelisches und Materielles, Ergriffenheit und Entrüstung, Pathos in der Form und politisches Engagement in der Sache begegnen sich dabei nicht als Widerspruch. Er gilt als mystische E.T.A. Hoffmann-Figur, als Interpret des Abgründigen.

Es erscheint als kuratorische Herausforderung, Zellers komplexes Werk auf engem Raum auszubreiten. Doch bietet die Beschränkung auf 30 oder wenig mehr Bilder die Chance einer konzentrierten Sicht auf die verschiedenen Aspekte dieses außergewöhnlichen Künstlerlebens im Kontext des Zeitgeschehens. Eine chronologische Erzählstruktur lässt das Publikum den Werdegang Zellers nachvollziehen, wobei die Exponate prototypisch für verschiedene Stilstufen und Ortswechsel stehen. „Er ging unbeirrt durch den Wechsel der Ströme den Weg seiner Entwicklung“, stellte der Kritiker Hans Bornmann schon 1928 fest. Das trifft auch auf die folgenden Jahrzehnte zu.

Trotz der eingangs erwähnten Unterschiede zu anderen Malern gehört Zeller fest zum havelländischen Kulturkreis, vielleicht ist er sogar nach Albert Einstein – den er persönlich kannte – sein bedeutendster Vertreter. Die Ausstellung wird dazu beitragen, dies in Erinnerung zu rufen.

Öffnungszeiten

Mai–Oktober
Do-So 12.00–16.00 Uhr

November–April
Sa+So 12.00–16.00 Uhr
sowie nach Vereinbarung 
(für Gruppen)
Eintrittspreise

3,00 Euro pro Person

ermäßigter Eintritt
2,50 Euro pro Person

Kinder unter 14 Jahren frei
Museum der Havelländischen Malerkolonie

Beelitzer Str. 1 / Ecke Dorfstraße
14548 Schwielowsee / OT Ferch

Tel +49 (0)33209 21025
(nur während der Öffnungszeiten)
museum[at]havellaendische-malerkolonie.de
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Museum der Havelländischen Malerkolonie
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